Die Warteschlange vorm Palazzo Acerbi ist lang. Hunderte Menschen haben sich vor dem barocken Stadtpalais im Zentrum Mailands versammelt, um einen Blick auf die erste Möbelkollektion der amerikanischen Designerin Kelly Wearstler für den schwedischen Moderiesen H&M zu werfen, die sie im Rahmen der Mailänder Möbelwoche präsentiert. Nun sind lange Warteschlangen wie diese zur Möbelwoche in Mailand nichts Ungewöhnliches, insbesondere wenn Modehäuser wie Gucci, Hermès oder Louis Vuitton ihre gestalterischen Ausflüge in die Welt des Wohnens aufmerksamkeitswirksam präsentieren. Dass aber eine günstigere Kette wie H&M eine Kollektion mit einer namhaften Designerin vorstellt, das sieht man auch in Mailand zum ersten Mal.
In Amerika, wo das Interieur eine größere Rolle spielt als hierzulande, ist Wearstler so etwas wie ein Star. Die kalifornische Designerin hat mit ihrem lässig-eklektischen Stil nicht nur die Häuser von Prominenten wie Cameron Diaz oder Ben Stiller eingerichtet, sondern auch zahlreiche Fünfsternehotels. Sie hat ihre eigene Möbellinie und eröffnete jüngst eine Galerie für Collectible Design. Darunter versteht man Unikate oder limitierte Serien, die zwar aussehen wie Kunst, aber funktional sind.

Eine Kollektion für H&M zu gestalten, wirkt da zunächst wie ein Widerspruch. Kelly Wearstler sieht das weniger kritisch. „Ich habe jedes Stück hier mit der gleichen großen Sorgfalt entworfen wie alle meine Produkte“, sagt sie. Selbst für sie sei es besonders gewesen, ihre Möbel in Mailand zu zeigen: „Die Designwoche ist so ein zentraler Moment im Jahr. Dort zum ersten Mal auszustellen, und dann noch an so einem geschichtsträchtigen Ort, werde ich sicherlich für immer in Erinnerung behalten.“
Mehr als Bettwäsche und Handtücher
Es gehört längst zur Mailänder Designwoche, dass Möbel größtmöglich theatralisch inszeniert werden. Meist entscheiden der Ausstellungsort und die Szenographie, wie viel Aufmerksamkeit die Neuheiten bekommen. Entsprechend opulent war Wearstlers Inszenierung. Jeder Raum des Palazzo konzentrierte sich auf eine einzelne Produktgruppe: Man sah große, bodentiefe Sofas aus Bouclé, die wie eine Neuinterpretation des italienischen Klassikers „Camaleonda“ von Mario Bellini wirkten, im nächsten Zimmer dann gewellte Kleiderstangen in Burgunder, in einem weiteren skulpturale Leuchten aus Stoff.
Fast-Fashion-Häuser haben zwar schon länger Ableger für Heimbedarf – H&M Home wurde 2009 im Internet gegründet –, lange standen dort aber Textilien und Accessoires wie Bettwäsche, Kissen, Handtücher oder Duftkerzen im Fokus. Mittlerweile sind sie in den Möbelbereich vorgedrungen, verkaufen Stühle, Tische, Leuchten und Regale. Und sie arbeiten mit Stardesignern zusammen – ein Prinzip, das H&M schon in der Mode groß gemacht hat. Für die Kette hat das mehrere Vorteile: Sie wertet ihre Marke auf, gewinnt kulturelle Glaubwürdigkeit und erschließt neue, designaffine Zielgruppen. Und auch die Designer profitieren – von Sichtbarkeit außerhalb der Branche.

So stellte der Designer und Architekt Vincent van Duysen 2022 seine erste Kollektion für Zara Home vor. Wie Wearstler ist auch der Belgier ein Star der Branche. Die nahm die Nachricht damals mit gemischten Gefühlen auf; es war vom Ausverkauf eines Designers die Rede, der mit seinem Namen sonst für Qualität, Langlebigkeit und faire Produktion steht.
Strahlkraft mit kleinen Macken
Die Tische und Stühle, die van Duysen für Zara Home entwirft, werden in seiner zweiten Heimat Portugal produziert. „Wir haben auf Handwerkskunst gesetzt, daher ist die Kollektion preislich auch höher angesiedelt“, sagt er. Seine Leder-Chaiselounge, die aussieht wie eine Hommage ans Bauhaus, kostet rund 4500 Euro – ein Preis, den kaum ein klassischer Zara-Home-Kunde zahlen dürfte. „Jedes Möbelstück wird erst auf Bestellung angefertigt“, sagt van Duysen.

Das gilt für seine Entwürfe, nicht aber für das restliche Home-Angebot des spanischen Moderiesen. Das wird überwiegend in Indien und China hergestellt, wo auch Händler wie Ikea produzieren. Auffällig ist, dass es Zara Home offenbar gelingt, die Strahlkraft des Designers auf das gesamte Sortiment auszuweiten.
H&M dürfte auf einen ähnlichen Effekt dank Kelly Wearstler hoffen. Ihre Kollektion, die im September auf den Markt kommt, soll erschwinglicher sein – die geplante Preisspanne bewegt sich zwischen 29 Euro (Accessoires) und 650 Euro (Polstersofa). Bei der Präsentation in Mailand wirken die Entwürfe im Vorbeigehen in der Tat hochwertig. Dass es sich aber immer noch um einen Fast-Fashion-Retailer handelt, beweist ein näherer Blick auf die asymmetrischen Holzhocker, die schon am dritten Ausstellungstag kleinere Macken an den Kanten aufweisen.
Schneller Wechsel von Stilen
Wearstler betont, dass die Langlebigkeit eines Stücks für sie essenziell sei, und dass sie sich beim Entwerfen immer fragt, was ein Objekt braucht, damit jemand auf Dauer damit leben möchte. „Ich will Möbel machen, die sich substancial anfühlen“, antwortet sie auf die Frage, ob sie bei der Zusammenarbeit mit dem Fast-Fashion-Haus Zugeständnisse an die Qualität machen musste.
Und wie wirkt sich das wachsende Angebot von Fast-Fashion-Firmen auf den ohnehin kriselnden deutschen Möbelmarkt aus? Dem ging es schließlich schon mal deutlich besser: 2025 verzeichnete die Möbelindustrie hierzulande ein Minus von 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es war der dritte Umsatzrückgang in Folge. Kriege und Krisen in der Ukraine und in Iran haben die Rohstoff- und Energiepreise steigen lassen, außerdem stockt in Deutschland nicht nur der Konsum, sondern auch der Wohnungsbau. Und dann ist da noch die amerikanische Zollpolitik. Die stellt laut dem Verband der deutschen Möbelindustrie weiterhin eine Herausforderung dar, auch, weil ursprünglich für die USA produzierte Möbel diverser chinesischer Hersteller nun stattdessen nach Europa verschifft werden.
Jan Kurth, Geschäftsführer der Verbände der deutschen Möbelindustrie, glaubt, dass die Fast-Fashion-Unternehmen vor allem trendaffine Zielgruppen ansprechen, „die Wert auf einen schnellen Wechsel von Stilen und inspirative Inszenierungen legen. Insbesondere im Einstiegs- und Dekorationsbereich steigt die Erwartung an Aktualität, Inszenierung und Verfügbarkeit“. Für eine fundierte Einschätzung der Auswirkungen auf die Branche sei es derzeit allerdings noch zu früh, „da zum Beispiel H&M Home bisher vor allem Wohnaccessoires im Fokus hat und das Möbelsortiment noch überschaubar ist“. Für die deutsche Möbelindustrie sei das Aufkommen dieser Marken ein Impuls, für „hochwertige, nachhaltige und designorientierte Möbel made in Germany“ zu werben – und deutlich zu machen, dass Möbel kein Fast Interior sind, sondern im Idealfall langlebige Gebrauchsgüter.
