Es ist Mittwochmorgen, und auf dem Dern’schen Gelände in Wiesbaden ist das Markttreiben überschaubar. „Unser Chef sitzt nur noch im Büro und kann in der Produktion nicht mehr mitarbeiten“, sagt Bärbel Schwarz von der Landmetzgerei Harth und fügt an: „Es kommen ständig neue Auflagen und Vorschriften.“ Für die Metzgerei aus Stadecken-Elsheim in Rheinhessen lohne sich der Marktstand in Wiesbaden aber noch, unter anderem, weil die Harths selbst schlachten. Mittwochs stehen sie mit ihrer mobilen Metzgerei in der hessischen Landeshauptstadt und samstags in Mainz. Die Kosten seien gestiegen, sagt Schwarz, aber die Kunden seien noch immer bereit, für die hohe Qualität und die gute Haltung der Tiere mehr zu zahlen.

Der Kastanienhof aus Finthen verkauft mittwochs und samstags je nach Saison Spargel, Gemüse und Obst in Wiesbaden, seit mittlerweile 40 Jahren. Laut Christoph Pfeifer lässt der Mittwochsmarkt seit geraumer Zeit jedoch nach. „Die Innenstadt ist leerer geworden, und es gibt immer weniger die klassische Hausfrau, die vormittags zum Einkaufen geht“, sagt er. Ginge es nach ihm, dürften die Händler länger verkaufen. Das erweise sich aufgrund bürokratischer Hürden aber als schwierig. Der Kastanienhof ist ein Familienbetrieb, und im Verkauf werden oft Studenten eingesetzt. Schwierig sei es, Mitarbeiter für die Produktion zu finden, sagt Pfeifer. Dem Wiesbadener Wochenmarkt werde er aber die Treue halten, allein, weil dies eine „Herzensangelegenheit“ sei.
Verkaufszeiten zu kurz?
Aus Hofheim kommt Patrick Dekic mit seinem „Käse-Tempel“ mittwochs auf das Dern’sche Gelände. An anderen Tagen steht er in Butzbach, Geisenheim und Ingelheim. Auch Dekic hat „mehr Papierarbeit“ als früher, er sei genervt. „Es ist alles teurer geworden, und ich bekomme alle zwei bis drei Wochen von meinen Lieferanten höhere Preise mitgeteilt“, sagt er, während er vor mehr als hundert Käseprodukten steht. Manche Sorten habe er aus seinem Sortiment genommen, weil er den Preis für nicht mehr angemessen hielt. Seit sieben Jahren verkauft Dekic in der Stadt und sagt, dass es sich „noch lohnt“. Aktuell zeige der Trend zwar nach unten, aber er hoffe, dass dieser sich wieder drehe. „In Hessen gibt es nicht mehr viele Märkte, die größer und vom Umsatz her besser sind als Wiesbaden, vielleicht noch Offenbach.“
Sichtlich wenig Umsatz macht Jonathan Lang-Sandknop mit seinen Edelpilzen aus Eltville an diesem Morgen. Er ist Chef und Erntehelfer zugleich. Shiitake, Goldkäppchen und Kräutersaibling sind Nischenprodukte. „Die Leute achten mehr aufs Geld“, sagt Lang-Sandknop. Seine Preise habe er nicht angehoben. „Das kann ich mir gar nicht erlauben.“ Bürokratie ist nicht sein Problem, eher, dass der Markt mittwochs nicht mehr so gut besucht ist. „Samstags bin ich auch hier, das ist dann eine ganz andere Hausnummer“, berichtet der Züchter.
Holger Rabisch verkauft seit 1995 Spreewälder Gurken, Aufstrich und viele andere Produkte an seinem Feinkoststand. Auf die Frage, ob sich sein Stand noch lohnt, antwortet er: „Es geht, aber es wird immer schwieriger.“ Ihn stört, dass die Stadt ihm mit einem Bußgeld drohe, wenn er seine erlaubte Verkaufszeit überschreite.
„Dramatische Veränderung“
Die Klagen von Rabisch und seinen Kollegen sind kein Einzelfall. In Hessen kämpfen Marktbeschicker mit hohen Kosten, gegen zu viele Regeln, und es fehlt an Personal. Das sagt Roger Simak, Geschäftsführer des hessischen Landesverbandes für Markthandel und Schausteller, auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Einige Wochenmärkte sind auf dem Weg dorthin, nicht mehr rentabel zu sein, sodass sie geschlossen werden müssen“, warnt der Experte. Er verweist auf den gescheiterten Versuch im Stadtteil Gateway Gardens; ein geplanter Wochenmarkt sei dort nicht zustande gekommen, weil sich nicht genügend Interessenten gefunden hätten.

Ähnliches berichtete in diesem Zusammenhang Michael Lorenz von der Managementgesellschaft für Hafen und Markt mbH, die in Frankfurt Wochen- und Spezialmärkte ausrichtet. Seiner Auskunft nach belasten gestiegene Energiepreise und Beschaffungskosten die Beschicker, bei denen es sich häufig um familiengeführte Betriebe handele. Hinzu kämen Bürokratie und Kosten für Sicherheitsauflagen, sodass sich ein Wochenmarkt nicht mehr lohne. Nach dem Anschlag in Magdeburg habe es an einzelnen Standorten polizeiliche Empfehlungen für Einfahrsperren gegeben, sagte er. „Wenn Sie dann mal schauen, was so was kostet, dann sind Sie mit Auf- und Abbau am Tag bei 1600 Euro je Zufahrt. Und das ist dann einfach eine Sache, da lohnt sich kein Wochenmarkt mehr.“
In Taunusstein gibt es seit zwei Wochen im Stadtteil Hahn einen samstäglichen Wochenmarkt. Dort engagieren sich neben klassischen Beschickern mit Gemüse- und Käseprodukten auch Händler, die Kaffeespezialitäten, Gebäck und andere Speisen anbieten. Die Premiere dieses Marktes, der von der Taunussteiner Stadtmarketing GmbH konzipiert wurde, war ein Erfolg.
Am vergangenen Samstag wurde der neue Markt zum zweiten Mal veranstaltet. „Es ist heute viel ruhiger“, sagt Kübra Gümüs vom Feinkost-Paradies und ergänzt: „Das ist schade, denn es ist ein schöner Markt. Aber wenn es so bleibt, dann wird es eng.“ Der Familienbetrieb aus Nauheim bei Rüsselsheim ist im Rhein-Main-Gebiet mit drei Wagen unterwegs. „Deutlich ruhiger“, kommentiert auch Stephan Schäfer an seinem Gemüsestand das Markttreiben. Er moniert, dass sich das Verbraucherverhalten in den vergangenen Jahren „dramatisch verändert“ habe.
In sechs bis acht Wochen werde sich entscheiden, ob der Markt sich dauerhaft etablieren kann, sagt Schäfer. Der Wiesbadener hatte früher einen großen Stand mit mehreren Angestellten auf dem Mainzer Wochenmarkt. Heute verkauft er allein. „Die Kosten sind so in die Höhe geschossen, dass es sich für mich irgendwann nicht mehr lohnte“, sagt Schäfer.
