
Die Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt eine blutige Kurve. Sie beginnt mit einem kolonial aufgeteilten Globus, geht über in einen Weltkrieg, dem ein zweiter folgt, der vonseiten Deutschlands mit rassistischen Absichten der Unterjochung mindestens eines ganzen Kontinents geführt wird. Sein Ergebnis war die Blockbildung zwischen West und Ost, die alle sonst noch existierenden Konflikte zu kalten und heißen „Stellvertreterkriegen“ bestimmte. Das Jahrhundert endete mit der Auflösung dieser Opposition. Seitdem führen alle Konflikte, wie Dan Diner schreibt, wieder ihr Eigenleben.
Der Historiker Dan Diner, der wie kein anderer sich der Konfliktgeschichte unserer Zeit zugewendet hat, kam vom Völkerrecht, und er kam aus Frankfurt. 1973 wurde er dort mit einer Arbeit über die juristische Konzeption des Kriegsendes promoviert. Als er in ihr Carl Schmitt zitieren wollte, untersagte es ihm sein Doktorvater, der vor den Nationalsozialisten ins Exil geflüchtet war. Diner litt zeit seines Lebens nicht an Berührungsängsten gegenüber fragwürdigen Ideen. Er wusste sich von Beginn an in eine katastrophale Situation hineingestellt. Der berühmte Satz, das brennende Rom sei eine gute Gelegenheit, Hydraulik zu studieren, könnte als Motto vieler seiner Analysen dienen.
Die totalitäre Epoche ragt auch in seine Familie hinein
Sie gelten der Begriffsgeschichte des Imperialismus, der islamischen Welt und Israel in ihrem Kontext, dem nationalsozialistischen „Zivilisationsbruch“ – der Begriff stammt von Diner –, dem 1952 zwischen Deutschland und Israel nahezu geheim ausgehandelten Abkommen über Wiedergutmachung und dem jüdischen Palästina im Zweiten Weltkrieg. Wer mit Dan Diner spricht, wer ihn liest, findet sich stets in universalgeschichtlichen Perspektiven, von der Sozialhistorie des Maschinengewehrs über die Geopolitik im Dritten Reich bis zur Differenzierung von heiliger Schriftkultur und Alltagsinteraktion im Arabischen.
Die Epoche der totalitären Herrschaft ragte in seine Familie hinein. Als Kind polnisch-litauischer Eltern, die, einem bitteren Satz Diners zufolge, vor dem Holocaust in den Gulag geflohen waren, kam er in einem amerikanischen Auffanglager für „Displaced Persons“ in München zur Welt. Über Paris und Tel Aviv führte ihn 1954 sein Weg erstaunlicherweise zurück nach Deutschland. Das Studentenleben in Frankfurt um 1968, die universitären Seminare und die im Café Laumer, der Kontakt auch zu dem Pariser Orientforscher Maxime Rodinson machten Diner vorübergehend zum Marxisten. Das war damals der Ton.
Einer Schule gehörte er dennoch nicht an. Wollte man seinen in eindringlichem Stil verfassten Studien – er ist Träger des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa – eine Methode zuschreiben, so könnte man auf den von ihm selbst verwendeten Ausdruck „kognitives Entsetzen“ kommen. Er ist dem lähmenden Entsetzen ebenso entgegengestellt wie dem historischen Daumendrücken. Die Beschäftigung mit dem nationalsozialistischen Judenmord führte Diner vor die Einsicht, dass dieser im Unterschied zu anderen Menschheitsverbrechen nicht auf ökonomischen, kolonialen, imperialen oder kriegerischen Motiven beruhte. Der fahrlässig wolkige Satz, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, solle vom Faschismus schweigen, griff am Holocaust so sehr vorbei wie der Vergleich von sowjetischem Klassenmord und deutschem Rassenmord. Diners Studien zu dem, was die Singularität des Mordes an den Juden genannt wird, sind nicht von einem Gefühl oder einem „Narrativ“ bewegt, sondern von einem Argument. „Die Massenvernichtung der europäischen Juden“, schreibt Diner, „hat eine Statistik, kein Narrativ.“
Entsetzen als Mittel der Erkenntnis
In jenem Aufsatz „Über kognitives Entsetzen“ hat er festgehalten, wie unterschiedlich das Alltagsbewusstsein individuell und kollektiv begangene Verbrechen behandelt. Trennscharf werden bei Individuen unterschiedliche Straftaten verfolgt, während in die Begriffsbildung bei Kollektivtaten sich das Bedürfnis mischt, keine Qualifizierung von Tat und Opferschaft vorzunehmen. Darüber hinaus erschallt leicht der Ruf nach „Kontext“, um aus Massakern an Unschuldigen Widerstandsakte zu machen, aus Kriegsverbrechen militärische Aktionen, aus einem Genozid mit Vernichtungsabsicht eine koloniale Tat. So treten oft nicht die Delikte hervor, sondern Geschichtserzählungen. Sie bestimmten den Mitte der Achtzigerjahre geführten Historikerstreit, und sie bestimmen die Debatten über angebliche Ähnlichkeiten zwischen Kolonialverbrechen und dem völlig grundlosen Holocaust.
Der akademische Weg Diners führte über die Universität im dänischen Odense, wo er arabische Geschichte lehrte, zu einer Professur für außereuropäische Geschichte in Essen und einer für europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv. In fünfzehn Jahren als Gründungsdirektor des Simon-Dubnow-Instituts an der Universität Leipzig erschien unter seiner Leitung die siebenbändige „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“. Zuletzt war er Professor für Moderne Geschichte in Jerusalem.
Es hätte einen nicht gewundert, wenn er auch noch Lehrstühle für allgemeine Ideengeschichte oder französische Kolonialhistorie bekleidet hätte. Sein universalgeschichtliches Gespür beweist sich nämlich an Beobachtungen wie der, dass am 8. Mai 1945 nicht nur der Zweite Weltkrieg in Europa endete, sondern auch die Franzosen in Sétif ihre blutige Kolonialherrschaft durch ein Massaker an Algeriern bekräftigten. Sein zwanzigstes Jahrhundert, in dessen Mitte dieses Datum liegt, ist noch zwei Jahre kürzer als das Eric Hobsbawms, reicht es doch von Potemkins Treppe in Odessa im Film Sergej Eisensteins bis zum Fall der Mauer 1989. Die Erde ist rund und zerfurcht, entsprechend verlaufen die Geschichtskurven mal horizontal, mal vertikal, immer krumm und selten linear. Heute wird ihr historischer Landvermesser Dan Diner achtzig Jahre alt, und wir gratulieren von Herzen.
