Das vielschichtige Porträt einer bedeutenden Protagonistin der fotografischen Avantgarde zeichnet eine Ausstellung, die das Stadtmuseum und der Wetzlarer Kunstverein zeigen. Die Rede ist von Germaine Krull, die nach unkonventionellem, fast nomadischem Leben unter anderem in Deutschland, Frankreich, Italien und Asien ihre letzten Lebensjahre bei ihrer Schwester in Wetzlar verbrachte, wo sie 1985 im Alter von 88 Jahren starb. Das, so Museumsleiterin Anja Eichler, war der Bezugspunkt, um das umfangreiche künstlerische Schaffen von Krull auch in Mittelhessen vorzustellen und zu würdigen.
Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt der städtischen Museen Wetzlar und des Wetzlarer Kunstvereins mit dem Museum Folkwang in Essen. Das Museum Folkwang verwahrt und betreut seit den Neunzigerjahren den Nachlass von Germaine Krull. Die in Essen erarbeitete Retrospektive wird in modifizierter Form nun in Wetzlar präsentiert.
Zu sehen sind in den Räumen des Stadtmuseums und der Galerie des Wetzlarer Kunstvereins rund 250 Fotografien, Texte, Dokumente sowie audiovisuelle Exponate. Wobei es den Ausstellungsmachern, wie Museumsleiterin Eichler sagt, nicht nur darum geht, das vielschichtige, umfangreiche fotografische Werk von Krull den Besuchern näherzubringen.
Krull arbeitete auch als Autorin
Es gehe auch darum, auf eine noch größere Spannbreite ihres Schaffens einzugehen: Krull verfasste eine Vielzahl autobiographischer und fiktionaler Texte, schrieb Reportagen, politische Berichte und sogar literarische Erzählungen, die von den Zwanzigerjahren an neben ihrem fotografischen Schaffen entstanden. Krull als unkonventionelle Stimme in einem bewegten Jahrhundert darzustellen, wie Eichler sagt.
Wobei in der Ausstellung Fotografien und Texte so angeordnet sind, dass daraus für den Besucher im weiteren Sinne das Bild einer Künstlerin entsteht, die selbstbewusst als Frau ihren Weg auch gegen viele Konventionen gegangen ist. Zugleich vermitteln die Fotografien und Texte Einblicke in ein und Eindrücke von einem bewegten Jahrhundert.
Während im Stadtmuseum in Bild und Wort die wendungsreiche, bisweilen schillernde Biographie der Künstlerin im Vordergrund steht, fokussiert sich die Präsentation im Kunstverein auf experimentelle Aspekte des Schaffens von Krull. Dort ist zudem ein Dokumentarfilm zu sehen, der im vergangenen Jahr entstand und das Leben der Künstlerin in Bezug zu ihrem Schaffen setzt.

Der Rundgang beginnt mit dem Leben der jungen Krull in den Jahren nach 1910. Nach einer Ausbildung an der Münchner Versuchsanstalt für Photographie hatte sie schon mit 21 Jahren im Künstlerviertel Schwabing ihr erstes Atelier eröffnet und Aufsehen mit unkonventionellen Personenporträts erregt. Nach der Ausweisung aus Russland, wo sie als politische Aktivistin verhaftet worden war, kam sie zunächst nach Deutschland zurück. Alsbald ging sie aber mit ihrem späteren Ehemann nach einem Zwischenaufenthalt in Amsterdam nach Paris.
Dort hatte sie sozusagen ihre Blütezeit als Fotografin, hatte besonderen Erfolg mit ihren außergewöhnlichen Aufnahmen von technischen Bauwerken und Industrieanlagen, vom Eiffelturm, Autowerken bis zu Kränen und Kraftwerken. Mit ungewöhnlichen Ausschnitten, extremen Perspektiven und Doppelbelichtungen machte sie sich einen Namen in der internationalen Fotoavantgarde, der Bewegung des Neuen Sehens. Mit ihrer bisweilen lässigen Art des Fotografierens ermöglichte sie zudem eine neue, ungewohnte Sicht auf Menschen in ihrem Alltag – auf Märkten, am Arbeitsplatz, beim Bummel durch Vorstädte.
Neben diesen seinerzeit als bahnbrechend gelobten Fotografien befasst sich die Ausstellung mit ihren bislang weniger gewürdigten Arbeiten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatte Krull wenig Aufträge und entschloss sich zu einer Zäsur: Sie zog nach Bangkok und übernahm dort als Hotelmanagerin ein renommiertes Haus. Gleichwohl, die Kamera blieb nicht in der Schublade, vielmehr machte sie sich immer wieder auf, das buddhistische Kulturerbe mit seinen Tempeln, Statuen und Kunstobjekten festzuhalten.
Auf dem Weg zurück nach Europa, legte sie eine längere Zwischenstation in Nordindien ein, lebte mit Anhängern des Dalai Lama zusammen und hielt die Spiritualität mit ihrem eigenen Blickwinkel auf Fotos fest. In den Siebzigerjahren beendete sie ihre autobiographischen Texte, und das Rheinische Landesmuseum in Bonn widmete ihr eine erste Retrospektive.
