Sie kennen das: Babys, die schon im Mutterbauch Mozart zu hören bekamen, sollen klüger sein als die, die nicht beschallt wurden. Dieser Glaube hält sich, auch wenn er mehrfach als Humbug enttarnt wurde. Das einzig Positive, was sich dazu sagen lässt, ist ja: Immerhin hat die musikbegeisterte Mutter sich während ihrer Schwangerschaft die ein oder andere Stunde mit klassischer Musik vertrieben. Geschadet wird es ihr und dem Kind nicht haben.
Aber auch wenn Mozart im Mutterbauch wenig bewirkt, hat Musik unbenommen eine unwahrscheinliche Macht auf den Menschen. Sie entspannt, kann aufwecken, uns aus trister Stimmung holen oder, ja, in dem einen oder anderen Horrorfilm auch in Angst und Schrecken versetzen. Der Menschen als Homo musicus – niemand würde das abstreiten.
Grünzeug, das hinhört
Aber was sagen Sie dazu, dass Musik keineswegs nur für uns gut ist, sondern auch für Pak Choi? Das ist der asiatische Senfkohl, der sich in unseren Supermärkten immer breiter macht und nach wenig bis gar nichts schmeckt. Er soll aber neuen Studien zufolge einen exklusiven Musikgeschmack haben.

Die Phytoakustik (oder nennt sich das Phytosonologie?) wartet noch mit anderen Ungeheuerlichkeiten auf: Reiskörner sollen Geräusche wahrnehmen und auf sie reagieren können. Tabakpflanzen hören, wenn sich schmausende Raupen nähern, die ihnen gefährlich werden können – und aktivieren dann das chemische Abwehrarsenal ihrer Zellen. Tomatenpflanzen hören, angeblich, besonders gerne weibliche Stimmen, sie wachsen dann besser. Pflanzen, die Geräusche hören – und auf Musik reagieren? Plantae musicae?
Der Sound der Tropfen
Gibt es dafür wissenschaftliche Belege? Die Sache mit den Reiskörnern haben Forscher am Massachusetts Institute of Technology erforscht und in Nature publiziert. Beste Referenzen, möchte man meinen. Regentropfen erzeugen, wenn sie auf den Boden oder auf die Wasseroberfläche von gefluteten Reisfeldern fallen, einen starken Schalldruck. Den ahmten die Forscher im Experiment nach, Samen und Keimlinge wurden mit künstlich erzeugten Regengeräuschen beschallt. Je heftiger der simulierte Regen war, umso besser war der Ertrag für den Agrarsonologen: Um bis zu 30 Prozent mehr Ertrag gab es beim heftigsten Regenschauerimitat. Die Forscher glauben, dass die Pflanzen mithilfe sogenannter Statolithen den Schall wahrnehmen – und darauf reagieren. Nicht die Feuchtigkeit, sondern allein das Tröpfeln gab den Startschuss zur Keimung.
Auch Zistrosen, Mohn, Myrten- und Nachtschattengewächse haben in Versuchen bewiesen, dass sie Schall wahrnehmen: Sie setzen ihre Pollen nur dann frei, wenn Bestäuberinsekten in der richtigen Frequenz sirrend oder brummend an ihnen vorbeifliegen. Und der Pak Choi, nun, der wächst gut, wenn man ihm klassische Musik vorspielt. Rock nervt ihn.
Die Schallsensibilität ist auch bei Erbsenwurzeln beschrieben: Sie wachsen dem Geräusch fließenden Wassers durch ein Labyrinth hinterher. Erbsensprossen lernten, dass sie Licht finden, wenn sie dem Sound von Wind (oder, im Labor: dem eines Föhns) folgen. Dass die Wahrnehmung von Geräuschen im Pflanzenreich eine Rolle spielt, wird immer deutlicher. Und natürlich leitet so mancher daraus ab, dass Pflanzen auch über Intelligenz, gar über ein Bewusstsein verfügen. Verrückt?
Vielleicht ist es Zeit, sich daran zu erinnern, dass auch Tieren lange Zeit jegliche Form von Bewusstsein abgesprochen wurde. Eine Einstellung, die heute kaum mehr nachvollziehbar ist. Auch wenn der Gedanke, dass Pflanzen ein Bewusstsein haben könnten, intellektuell herausfordernd ist: Lassen Sie ihn einfach einmal zu. Wenn Sie dazu Mozart hören, klingt die Idee gar nicht mehr so verkehrt.
