
Das favorisierte Spiel für die diesjährige Auszeichnung zum „Spiel des Jahres“ hat es zumindest schon einmal auf die Nominierungsliste der drei Spiele gebracht, aus denen am 12. Juli das „Spiel des Jahres gekürt wird: Cozy Sticker Ville. Wie Jury-Vorsitzender Harald Schrapers im Spielecafé Playce in Frankfurt am Dienstag mitteilte, hat sich die Jury unter 440 Spielen im Bereich der Altersempfehlung ab acht Jahren und älter für dieses Spiel entschieden, weil es nicht nur innovativ daher kommt mit mehr als 800 Aufklebern, sondern auch gesellschaftskritische Ansätze hat, über die es zu diskutieren lohne.
Das Spiel stammt vom amerikanischen Erfolgsautor Corey Konieczka und befasst die Spieler mit der Aufgabe, kooperativ mittels der Aufkleber ein Dorf zu entwickeln. Das geht mehr als zehn Runden und ist auf der Rückseite des Spielplans noch ein zweites Mal möglich, so dass zwanzig Partien möglich sind, bevor das Spiel ausgespielt ist. In Deutschland ist der französische Verlag Asmodee für den Vertrieb zuständig.
Als Zauberlehrling Regale befüllen
Der zweite Nominierte heißt Morty Sorty und kommt von Schmidt Spiele aus Berlin und dem österreichischen Autor Markus Slawitscheck, 2024 Autor des Kinderspiel des Jahres Die magischen Schlüssel und 2023 des Spiel des Jahres Challengers! In Morty Sorty gilt es, als Zauberlehrlinge ein Regal mit Zutaten möglichst geschickt einzuräumen – und ein wenig auf Würfelglück zu hoffen.
Dito wiederum ist ein kreatives Partyspiel für wenigstens drei Spieler des Autors Martin Ang, erschienen im Verlag Game Factory. Etwas überraschend für einige Beobachter: Das viel gelobte und als Mitfavorit gehandelte kooperative Deduktionsspiel Take Time, ist nicht nominiert und gehört „nur“ zur Auswahlliste von sechs weiteren Spielen, die von der Jury aus dem Jahrgang hervorgehoben wurden.
Ein Jahrgang, den Schrapers um abermals 14 Prozent in der Anzahl in Frage kommender Spiele wachsen sah. Sie müssen zwischen April 2025 und März 2026 in deutscher Sprache erschienen und im Handel flächendeckend erhältlich sein. Von den 440 Spielen wurden nur zehn von einer Spieleautorin entwickelt, was 2,3 Prozent entspricht; 94 Prozent indes von Männern, der Rest in gemischten Teams. Der Anteil von Brettspielerinnen ist um ein Vielfaches höher, als es die Autorenschaft widerspiegelt.
Französischer Einfluss bei den Kinderspielen
Christoph Schlewinski, Koordinator der Kinderspiel-Jury, betonte den auffallend großen Einfluss des französischen Marktes für den Brettspielbereich generell und speziell auch für Kinderspiele. Alle drei Autoren der nominierten Kinderspiele Buh Party, Die Insel der Mookies und Verflixt verzaubert stammen aus Frankreich. Schrapers verwies nicht nur auf die seit Jahrzehnten höhere Geburtenrate in Frankreich, sondern auch auf die viel höhere Sichtbarkeit von Kindern und Kinderspielen zum Beispiel auf der Brettspielmesse in Cannes verglichen mit Brettspielmessen in Deutschland. Das deute auf einen höheren Stellenwert von Kinderspielen in Frankreich hin.
Der internationale Einfluss wird auch beim Spiel des Jahres immer deutlicher. Viele Nominierte kommen seit Jahren aus dem Ausland. Im Bereich der Kennerspiele für die geübteren Spieler wurde Donald X. Vaccarino mit seinem Spiel Moon Colony Bloodbath nominiert und dem Untertitel Katastrophen mit Ansage – wer übrig bleibt, gewinnt, dem Schrapers ebenfalls gesellschaftskritische Töne attestiert. Der Autor gewann 2009 mit Dominion und 2012 mit Kingdom Builders schon das Spiel des Jahres.
Nach Schottland entführt die deutsche Autorenlegende Reiner Knizia die Spieler im nominierten Rebirth und stellt sie vor die Aufgabe, das Land nach einer Apokalypse wieder aufzubauen. Knizia hat damit wie Slawitschek mit Morty Sorty die Chance, als erster Autor alle drei Kategorien des „Spiel des Jahres“ gewonnen zu haben.
Die App hilft im Kampf gegen die Bosse
Als drittes Kennerspiel ist Boss Fighters nominiert. Es ist ein kooperatives Spiel des Autorenduos Michael Palm und Lukas Zach, die 2022 zusammen mit Dorfromantik das Spiel des Jahres gewannen. Der Verlag ist abermals Pegasus Spiele aus dem hessischen Friedberg, die auch den aktuellen Titelträger des Spiels des Jahres Bomb Busters des japanischen Autoren Hisashi Hayashi verlegen. In Boss Fighters gilt es, gemeinsam relativ fiese Bosse zu besiegen, deren Stärken und Fähigkeiten es erst im Kampf zu entdecken und sich ihnen erfolgreich zu widersetzen gilt. Die Besonderheit des Spiels: Es wird mit Unterstützung eines Tablets oder Smartphones gespielt.
Am Abend des 12. Juli werden in Berlin die Sieger in den drei Kategorien bekanntgegeben. Die Entscheidung steht noch nicht fest. Die ehrenamtlichen Jurymitglieder werden bis dahin noch einige Partien der Spiele bestreiten, um ihre abschließende Meinung zu bilden.
Kaum ein Preis beeinflusst den Produktabsatz so sehr, wie es das Spiel des Jahres im Brettspielbereich tut. Es gilt global als die wichtigste Auszeichnung der Branche und vervielfacht den Absatz, da sowohl die Brettspieler wie auch die Einkäufer der Handelsketten auf das Urteil der Jury vertrauen, aus der unübersichtlichen Zahl hunderter neuer Spiele jedes Jahr gute Qualität auszuwählen. Die Auszeichnung gibt es seit 1979 (Hase und Igel). Bei der Übertragung aus Frankfurt schauten am Dienstagnachmittag viele hundert Interessierte auf Youtube zu – darunter Japaner, Franzosen und Vertreter aus vielen weiteren Brettspielnationen.
