Kürzlich brachte mein Sohn Lenny eine schwere Tüte mit nach Hause, wieder war ein Abschnitt in seinem internationalen Kindergarten zu Ende gegangen. Neben zu klein gewordener Kleidung steckten zwei große Mappen – die Arbeiten der vergangenen vier Monate meines Vierjährigen. Wir setzten uns auf den Boden und blätterten durch die DIN-A3-großen Hefter.
„Hier haben wir uns gemessen, so viel bin ich seit dem Anfang des Jahres gewachsen“ – auf den Bildern die lachenden Kinder am Boden, ihre Umrisse mit Klebeband festgehalten, daneben ein Maßband. Ein Foto seines ernsten Gesichtchens am ersten Kitatag und eines von vor einer Woche, die Haare länger, die Backen schmaler.
„Ich bin größer geworden, schau mal“, sagt er stolz. „Hier haben wir mit, ,Resin‘ gearbeitet, mit Harz, ich habe ganz viele Blumen für dich reingenommen. Und hier habe ich einen Teller getöpfert.“ Er kramt jetzt in der Tüte, zaubert den Teller hervor, dazu eine Figur aus Modelliermasse. Ich staune, und mir werden die Augen feucht.
Bild: F.A.Z.
Chiara Schmucker
ist 2023 mit Mann und zwei kleinen Söhnen (Jahrgang 2022 und 2019) nach Tokio gezogen. Seither schreibt sie in der Eltern-Kolumne „Schlaflos“ – unter Pseudonym – über Gewöhnliches und Ungewöhnliches im Leben in zwei Welten.
Mein Sohn ist nicht nur gewachsen im letzten halben Jahr, er hatte auch eine richtig gute Zeit. Stolz zeigt er mir die Hefte mit Buchstaben, die er schon schreiben kann, die Zahlen, mit denen sie langsam anfangen zu rechnen. „Five apples, that is three and two“, sagt er jetzt auf Englisch. Für ihn sind beide Sprachen gleich, im Kindergarten spricht er Englisch, zu Hause sprechen wir Deutsch. Dass die Kinder hier schon im Kindergarten Lesen, Schreiben und ein bisschen Mathe lernen, gehört zum Curriculum der internationalen Kindergärten – und ich bin dankbar dafür.
Mein Sohn schreibt und rechnet genauso gerne, wie er Rollenspiele macht oder in Erdritzen nach Kellerasseln pult. Wie ein Schwamm saugt er alles auf, für ihn sind „Phonics“ und „Math“ eine Erweiterung seiner großen Interessen. Auf der Kindertafel in unserem Wohnzimmer schreibt er mit seinem Bruder zusammen lange komplizierte und nicht immer richtige Matherätsel auf. Das Ziel: möglichst lange Zahlenketten.
Spielen und Lernen müssen nicht getrennt sein
Die Entscheidung, für unsere Kinder hier in Japan internationale Einrichtungen zu wählen, hat uns einen großen Einblick in das Lernen weltweit gegeben – uns unsere Kinder zu kleinen Weltbürgern gemacht. Sich auf Englisch mit unserer schwedischen Großcousine zu unterhalten, ist genauso selbstverständlich für sie wie mit den Verkäufern im taiwanischen Fischmarkt.
In der Praxis zu erfahren, was für ein Geschenk Bildung und Lernen ist und dass die Begeisterung für Zahlen, Formen und Buchstaben genauso in den Kindern angelegt ist wie das Faible für Bauklötze und Schaukeln, brachte uns die große Erkenntnis, dass Spielen und Lernen vielleicht gar nicht immer getrennt voneinander betrachtet werden müssen und auch nicht unbedingt eine Frage des Alters sind.
Wir haben einen Kindergarten gewählt, dessen akademisches Niveau eher in der Mitte liegt. Es gibt hier in Japan auch Einrichtungen, in denen schon Zweijährige Schreibübungen absolvieren, bis sie beinahe am Tisch einschlafen, in denen Hausaufgaben für Vierjährige obligatorisch sind und die Eltern einbestellt werden, wenn die Kinder diese mehrmals nicht machen. Doch manche Familien suchen genau das: „Warum soll ich fürs Spielen bezahlen?“, begründete eine Bekannte einmal die Wahl dieses Kindergartens. „Spielen können die Kinder zu Hause, in der Schule sollen sie was lernen.“
Wichtig war uns, dass die Kinder klettern können
So radikal sind wir nicht, im Gegenteil. Wir suchten eine Einrichtung, die den Kindern in der Millionenstadt Tokio dennoch möglichst viel Grün, Platz und Freiheit bieten konnte. Wir wollten, dass unsere Kinder auf Bäume klettern und möglichst viel barfuß draußen spielen.
Dass unser Kindergarten täglich mindestens eine Gruppenaktivität im Programm hat – dienstags Musikstunde und Bücherei, mittwochs Gärtnern, donnerstags Töpfern, freitags Sport im Park –, fanden wir schön, aber nicht zwingend. Doch nach drei Jahren sehen wir, wie die wöchentlichen Routinen sich nachhaltig im Bewusstsein unserer Kinder verankern, ihre Persönlichkeiten schärfen und wie sie daran wachsen.
Unser Sohn Max lag die ersten Musikstunden ausschließlich am Boden, erst mit der Zeit bekam er einen Zugang. Kürzlich habe ich ihn zu einer Chorprobe von mir mitgenommen. „Es war wunderschön, dich singen zu hören“, sagte er später ehrfürchtig. Ich weiß, wie viel ich seiner Kita und jetzt seiner Schule zu verdanken habe. Auch dort steht zweimal in der Woche Musik auf dem Stundenplan. Engelsgleich sangen 120 Erstklässler beim Weihnachtskonzert amerikanische und japanische Weihnachtslieder vor.
Sprache wird als Schlüssel für alles Weitere gesehen
Ich weiß, dass ein großer Hebel im Betreuungsschlüssel liegt, sowohl im Kindergarten als auch in der Schule jetzt. In der Kindergartengruppe meines großen Sohns betreuten im vergangenen Jahr zwei Erzieher sechs Kinder. Bei meinem kleinen Sohn sind es drei auf 18. In der ersten Klasse sind es nun ebenfalls 18 Kinder auf eine Lehrerin, aber etwa eine Stunde am Tag ergänzen bis zu sechs (!) zusätzliche Lehrkräfte und fördern Lesen und Schreiben in Kleingruppen.
Die Schule weiß, dass Sprache entscheidend ist – für die allermeisten Kinder ist Englisch Zweitsprache neben Japanisch, Mandarin, Kantonesisch oder eben Deutsch. Sie fördern, weil sie wissen, dass abgehängt wird, wer nicht gut genug lesen oder verstehen kann – eine Unterstützung, die ich allen Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland ebenfalls wünschen würde.
Denn unzureichende Sprachkenntnisse sagen ja erst einmal nichts über die Intelligenz eines Kindes aus – wir kämpfen auch nach drei Jahren immer noch mit dem Japanischen. Ich bin fasziniert, wie viel schneller meine Kinder lernen als ich.
Zwischendrin ist auch einmal ein Quatschbuch dran
Das Lerntempo an den internationalen Schulen ist entsprechend hoch. Von Erstklässlern wird erwartet, dass sie zum Schuljahresbeginn lesen können, inzwischen rechnen sie im Zahlenraum bis 1000. Sie addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren, alle paar Wochen wird der Lernfortschritt überprüft. Manchmal müssen wir eher bremsen, wenn wir finden, dass die Schule zu anspruchsvoll ist.
Dann gehen wir ins Schwimmbad oder in den Park, lesen Quatschbücher oder backen Kuchen. Kürzlich hatte ich übersehen, dass die Kinder vor einem Test die analogen Uhrzeiten noch einmal hätten üben sollen. „Aber ich wusste es schon, sonst hätte ich schon gefragt“, sagte Max lediglich.
Dieses Zutrauen in die Fähigkeiten meiner Kinder hoffe ich mir auch nach unserer Rückkehr nach Deutschland zu behalten. Ihnen zuzutrauen, dass sie genauso schnell auf Deutsch lesen und schreiben lernen werden, wenn sie dann vielleicht eine deutsche Schule besuchen, wie sie es hier mit Englisch und japanischen Silbenzeichen lernten.
Ihre Interessen zu fördern, aber auch an Themen dranzubleiben, die ihnen auf den ersten Blick langweilig erscheinen oder zu denen sie erst einmal keinen Zugang finden. Ihre Bereitschaft zu stärken, Unterschiede als Chance zu begreifen, sei es Herkunft, Begabung oder Entwicklung. Ich glaube, unsere Zeit hier hat einen guten Grundstein dafür gelegt.
