Die wohl größte Karriere in Sachen Schuhwerk hat vor etwas mehr als 15 Jahren der bis dato wohl hässlichste Schuh aller Zeiten hingelegt. Die Rede ist vom Birkenstock – dickes Gummisohlenprofil, Korkfußbett, darüber robustes Leder. Sein Image war damit im In- und Ausland über Jahrzehnte klar besetzt: deutscher Tourist im Urlaub. Am besten trug dieser Deutsche dazu noch die berühmten Socken in den Sandalen. Dann aber, in den Nullerjahren, begann die Umdeutung. Der Hipster kam auf, und dieser Typus junger Großstadtmensch trug nicht nur Bart, Hornbrille und Holzfällerhemd, sondern eben auch „Arizona“-Schlappen mit breiten Riemen. Die nicht ganz so Mutigen probierten es vielleicht mal mit dem Zehensteg-Modell „Gizeh“ oder dem zurückhaltenderen „Madrid“ mit nur einem Riemen. Irgendwann hatte Birkenstock sich durchgesetzt, die Menschen waren ausgestattet mit Korksandalen. Selbst der klobige Clog des Herstellers, Modellname „Boston“, ist seit zwei Jahren nicht mehr vorrangig eine Requisite in deutschen Arztpraxen, sondern auch in den Reels von Modeinfluencerinnen auf Instagram.
So weit die Lage. Und somit die Frage: Was kommt danach? Das Beispiel Birkenstock zeigt: Bei Schuhen ist alles möglich, Fashion folgt Fußgesundheit. Der nächste Birkenstock könnte allerdings nicht von Birkenstock sein. Und auch nicht von Crocs, diesem anderen Hässlich-Schuh. Stattdessen zum Beispiel von Vibram, einem Modell der Kategorie Barfußschuhe. Leuten, die etwas auf ihren Stil halten, dürfte jetzt ein leichter Schauer über den Rücken laufen. Schaut man sich aber auf den Laufstegen um, liest sich durch ein paar Trendstücke zum Thema, dann ist die Frage gar nicht mehr, ob sich diese archaisch anmutende Art von Fußbekleidung im Mainstream durchsetzen kann, sondern nur noch, wann.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Topmodel Paloma Elsesser trägt Vibrams aus Netzstoff mit Abteilen für die fünf Zehen. Die Modemarke Lueder traute sich damit auf den Laufsteg zur Berliner Modewoche. Und die Musikerinnen Doechii und Jennie Kim von der K-Pop-Band Blackpink bekennen sich zu dieser gewöhnungsbedürftigen zweiten Haut um die Füße herum. Und das sind nur die eindeutigsten Indikatoren für einen bevorstehenden Großtrend. Barfußschuhe sind also die Zukunft, so ähnlich würde es wohl auch der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie sehen. Der Branche geht es nicht gut, eine der wenigen Ausnahmen: die Zehentreter.
Da ist es fast schlüssig, dass auch Marken, die eindeutig nicht zum Barfußlager zu zählen sind, der Schuhsohle sichtbar weniger Bedeutung beimessen. Häufig trennt Träger und Asphalt nur noch eine dünne Schicht Leder. Und unter den wenigen Schuhen, die sich abseits von gehypten Sneakermodellen in den vergangenen Jahren durchsetzen konnten, sind zwei in optischer Hinsicht barfußähnliche Modelle: die Netzballerinas von Alaïa und die Tabi-Schuhe mit geteilter Zehenkappe von Maison Margiela.
Was hält eigentlich die Barfuß-Crowd vom Barfußschuh?
Jene Branche, die also spezialisiert darauf ist, einen Hallux valgus zu kultivieren, macht jetzt auf Gesundheitslatschen der besonders hässlichen Sorte. Ob die Barfuß-Crowd davon so angetan ist, sei mal dahingestellt. Kein Stück Bekleidung signalisierte bislang wohl stärker, dass sich sein Besitzer modisch woanders verortet als der Rest der Welt. Womöglich kapert die Luxusmode am Ende auch noch diese Bastion der Andersartigkeit, wie zuvor geschehen mit dem Birkenstock. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Leute, deren Look und Stilgefühl ihr Kapital sind, als Erstes Abstriche bei ebenjenem machen, zugunsten des Komforts, weil sie es sich erlauben können. Weil sie auch noch mit zwei Reptilien-Attrappen an den Füßen gut aussehen, während es Normalos schon Überwindung kostet, die Synthetikteile auf dem Bildschirm zu begutachten und sich vorzustellen, damit im Lieblingscafé Einzug zu halten. Geschweige denn bei einem Date.
Der Erste, der Interesse an einer Kooperation mit Birkenstock, gewissermaßen dem Barfuß-Vorgänger, zeigte, war damals auch keine geringere Stil-Instanz als der Modedesigner Marc Jacobs aus New York. In Linz am Rhein, Heimat von Birkenstock, winkte man seinerzeit ab. Aus der Zusammenarbeit wurde nie etwas.

Vibram, der Inbegriff von Barfußschuhen, ist deutlich jünger als das 252 Jahre alte Birkenstock. 2002 entwarf ein Italiener, Robert Fliri, das Five-Finger-Modell, um die Natur während seiner Trails und Hikes noch besser zu spüren. Der erste Anspruch war also nicht Fußgesundheit, sondern Erlebnis. Dass der Barfußschuh aber auch dem Fuß dienlich sein kann, bestätigt Arne-Björn Jäger, der in Trier als niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg tätig ist. Jäger beschreibt den Fuß als „sensationelles Bauwerk – 26 Knochen, die alle durch kleine, insgesamt 32, Muskeln miteinander in Verbindung stehen“. Die gesamte Körperstabilität, die Haltung des Oberkörpers beginne mit dem Fuß. Schuhe im Allgemeinen seien da ein Hilfsmittel, sagt Jäger. Sohle und dämpfendes Material könnten zum Beispiel bei Instabilitäten entlasten. Damit wäre schon mal geklärt, für wen der Barfußschuh nicht geeignet ist. „Das ist das komplette Gegenteil eines herkömmlichen Schuhs“, sagt Jäger. „Der kann weder stabilisieren noch unterstützen. Er kann auch nicht entlasten. Es ist einfach nur ein Schuh, der sich an unseren Fuß anpasst.“ Für Diabetiker, für Menschen, die mit Erkrankungen zu tun haben, die durch Fehlbelastung oder Überlastung aufgetreten sind, sei der Schuh daher nicht ratsam.
„Wenn man die Nervenenden an den Füßen nicht aktiv hält, schlafen sie ein“
In einem Land, das aus dem Anspruch auf Fußgesundheit ein Kulturgut hervorgebracht hat, nämlich eben den Birkenstock, ist es kein Wunder, dass eine Gruppe Menschen besonders häufig in Barfußschuhe gesteckt wird: die Kinder, jene, deren Füße noch im Wachstum sind. „Kinder sollten auch ohne Schuh häufig barfuß laufen“, sagt Orthopäde Jäger, der für den Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie auch in Schulen und Kindergärten tätig ist, um über die gesunde Entwicklung der Füße aufzuklären. „Aber der Barfußschuh kann die Entwicklung bei Kindern, deren Füße keine gravierenden Abweichungen haben und gesund sind, noch einmal zusätzlich unterstützen.“
Es gehe immerhin, so erklärt Jäger, um 1700 Nervenenden an den Füßen. „Wenn man sie nicht regelmäßig nutzt und aktiv hält, schlafen sie ein.“ Der Barfußschuh ist also auch eine Art Fitnessstudio für die Füße. „Indem sich der Schuh dem Fuß anpasst und nicht umgekehrt, unterstützt der Barfußschuh den natürlichen Prozess des Barfußgehens und -stehens“, sagt Jäger.
Er vereint also in mehrfacher Hinsicht das Beste aus beiden Welten – ist so gesundheitlich förderlich wie Barfußlaufen, aber schützt wie ein Schuh. Und selbst optisch handelt es sich zumindest bei dem Vibram-Modell in Schwarz um eine Kreuzung aus zwei Trend-Schuhen: aus Maison Margielas Tabi-Schuh und Alaïas Netzballerina. Und damit ist das vielleicht der Schuh dieses Sommers.
